Vom Unsinn mit der Dividendenstrategie

Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit der sogenannten Dividendenstrategie, einer gleichermaßen beliebten wie irrationalen Art des Anlegens.

Einleitung

Wenn man durch die deutschsprachigen Finanzblogs stöbert, könnte man fast den Eindruck bekommen, dass es gar keine andere Möglichkeit gäbe, in den Finanzmarkt zu investieren und so für die Zukunft vorzusorgen, als mittels dividendenausschüttender Aktien. Und das, obwohl jedes rationale Denken, nahezu jede Berechnung zeigt, dass dies ein Irrweg ist. Warum ist das so? Warum nehmen Menschen den Wertverlust ihres investierten Geldes in Kauf, nur damit ein paarmal im Jahr ein wenig Geld zurückgeschickt wird. Geld, das vorher noch dazu beim Kurs der Aktie abgezwackt wurde. Mit Vernunft ist das nicht zu erklären, oder?

Grundsätzliche Annahmen

Wir nehmen grundsätzlich an, dass ETFs wegen der hohen Diversifikation und anderer Merkmale die sinnvollere Geldanlage darstellen als Einzelaktien. Hierzu verweise ich auf frühere Blogeinträge. Im Folgenden wird aber davon ausgegangen, dass der besprochene Investorentyp einer sei, der irrational handelt und daher Stock Picking betreibt, also denkt, er/sie könnte glaskugelhaft in die Zukunft schauen und ein Unternehmen besser analysieren als professionelle Großinvestoren und daher genau die Aktien raussuchen, die ihm/ihr über einen langen Zeitraum hohe Erträge liefern. Anhand meiner Formulierung wird schon klar, dass das ein an größenwahngrenzender Irrglaube ist. Ein Dividendeninvestor, der auf Dividenden-ETFs setzt, ist zwar genauso verblendet, wird dafür aber vermutlich weniger Risiko tragen bei gleicher Rendite. All dem liegt natürlich die Annahme zugrunde, dass wir das Maximum oder zumindest etwas, das in diese Richtung strebt, aus unserem angelegten Geld rausholen wollen. Wir investieren ja nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kinder und/oder Partner.

Warum lieben Menschen Dividenden?

Es scheint ein psychologischer Fallstrick zu sein, auf ausschüttende Wertpapiere setzen zu wollen. Natürlich fühlt es sich unglaublich gut an, wenn die Dividendenabrechnung ins Postfach flattert. „Wieder 36,81 EUR eingenommen, ohne etwas dafür zu leisten! Wow, das ist passives Einkommen!“ Eigentlich eine recht stupide Ansicht, denn das ausgeschüttete Geld wurde ja am Ex-Tag (Wikipedia hilft an dieser Stelle) vom Kurs des Wertpapiers abgetragen. Das nennt man Dividendenabschlag und ist unter Umständen etwas kompliziert, ändert aber nicht an der Tatsache, dass Einnahmen aus Dividenden keine „echten“ zusätzlichen Einnahmen sind, sondern, dass man nur das herausbekommt, was man vorher ja eh verloren hat. Sprich: Die Aktien hat einen Wert von 100 EUR, am Ex-Tag wird eine Dividende von 5 EUR angekündigt. Die Aktie ist nun nach dem Dividendenabschlag nur noch 95 EUR wert und die 5 EUR Differenz sind am Ende genau die, die auf meinem Verrechnungskonto landen. Gewonnen habe ich also erstmal gar nichts, lediglich etwas Gewinn realisiert. Man sieht: Auch Dividendenaktien kommen daher nicht ohne Kursgewinne aus. Manch ein(e) Finanzblogger(in) tut ja so, als seien ihm/ihr Kursgewinne völlig Wumpe.

Obwohl man also rational sein und Dividenden als ein Nullsummenspiel verstehen kann, fühlt es sich dennoch gut, ja belohnend an, sie zu erhalten. Dagegen bin auch ich nicht gefeit. Wenn ich die Wahl zwischen zwei sonst identischen ETFs habe, wähle ich lieber den ausschüttenden statt des thesaurierenden. Ist auch irrational, macht aber kaum Schaden, weil der Index derselbe bleibt. Solange da nicht explizit auf ETFs gesetzt wird, die eine Dividendenstrategie verfolgen, das heiß, vor allem Unternehmen beinhalten, die hohe Dividenden ausschütten, ist erstmal alles gut. Ob nun auf den MSCI World thesaurierend oder ausschüttend ist für die Rendite relativ egal. Bei der einen Variante hat man gar keinen Stress, bei der anderen investiert man das ausgeschüttete Geld eh wieder neu, man hat dafür aber den netten psychologischen Sidekick. Insgesamt betrachtet obliegt dieser Hang zu ausschüttenden Wertpapieren offenbar einem Mechanismus in unserem Gehirn, das uns Dividenden als Belohnung verkauft.

„Dividendisten“ verbrennen ihr Geld

Aus der Erfahrung kann man wohl sagen, dass der übliche Zyklus eines Unternehmens so abläuft:

Gründung: Das Unternehmen wird gegründet, schreibt keine schwarzen Zahlen. (Zum Beispiel Start-ups)

Wachstum: Der Markt, den das Unternehmen bedient, ist noch nicht gesättigt. Hohe Gewinne, die benutzt werden, um noch weiter zu wachsen. (Zum Beispiel die Tech-Branche)

Etablierung: Der Markt, den das Unternehmen bedient, ist gesättigt. Alle trinken Coca-Cola, alle haben oder kennen dieses oder jenes Produkt. Da das Unternehmen nicht mehr groß weiterwachsen kann, investiert es das Geld entweder in Innovation, was nicht immer gelingt oder in manchen Branchen auch schwierig wird, oder gibt es an die Aktionäre in Form von Dividenden aus. (Zum Beispiel ein großer Teil der Immobilienbranche)

Ende: Das Unternehmen ist nicht mehr innovativ genug, das Geschäftsmodell nicht mehr lukrativ oder es hat einfach Pech gehabt. Das Unternehmen erfindet sich im besten Fall komplett neu oder geht pleite oder verschwindet in der Versenkung. (Hier gäbe es ja ein paar typische Kandidaten: Tabakproduzenten, Fluggesellschaften… aber das ist wieder Kaffeesatzleserei und am Ende kommt es doch ganz anders.)

Generell wird wohl jedes Unternehmen mal diesen oder einen ähnlichen Tod sterben müssen. Man siehe sich mal an, welche Unternehmen vor 100 Jahren die Top Player waren. Viel ist nicht mehr übrig von einigen.

Jedenfalls wird die dicke Kohle in der Wachstumsphase gemacht und genau auf die verzichten ja Dividendenjäger. So geht viel verloren. In den normalen klassischen ETFs sind bekanntermaßen wachsende und etablierte Unternehmen enthalten, sodass auch dahingehend eine Diversifizierung vorliegt.

Ganz übel kann man übrigens seit einem Jahr Folgendes beobachten: Seit dem Coronaschock im Frühjahr 2020 haben breit gestreute ETFs die Verluste längst wieder kompensiert oder sogar hinter sich gelassen. Aber die Dividendensammler, die besonders gerne auf die Immobilienbranche setzen, bevorzugt auf sogenannte REITs (wieder hilft Wikipedia), sitzen auf mannshohen Verlusten. Nicht nur wurden die Dividenden gekürzt, auch die Kurse haben sich bei weitem nicht erholt. Ob und wann sich diese Unternehmen wieder erholen, ist nach wie vor vollkommen offen. Ich als langweiliger ETF-Basisinvestor freue mich dagegen über Gewinne (Kurs + Ausschüttung) im guten zweistelligen Prozentbereich. Langweilig, aber sehr angenehm.

Der Mythos vom passiven Einkommen

Dividenden sind ja, wie vorher beschrieben, nicht wirklich ein Einkommen, sondern eher eine Umwandlung. Vielen Dividendensammlern ist das egal, sie träumen davon, lebenslang Einkünfte aus ihren herausgepickten Aktien zu erhalten. Dass das auch nach hinten losgehen kann, habe ich gerade beschrieben. Es erschließt sich auch nicht, warum man, wenn doch die Dividenden eh sofort wieder investiert werden, überhaupt darauf setzt, welche zu erhalten. Wäre es nicht sinnvoller, darauf zu verzichten, wenn man sie sowieso nicht nutzen möchte? Beziehungsweise nicht eine Strategie zu verfolgen, die genau darauf explizit hinarbeitet. Wäre es nicht eine sinnvolle Lösung, das Geld bis zum dem Zeitpunkt, wo man wirklich von den Dividenden zehren möchte, auf ETFs zu setzen, die solide Renditen bringen und später dann umzuschichten, meinetwegen auch in ausschüttende Wertpapiere? Also erst ausgiebig aussäen und dann später, wenn man es wirklich benötigt, ernten, statt dauerhaft dahinsiechende Pflanzen zu gießen?

Fazit

Bei näherer Betrachtung erscheint die Dividendenstrategie immer unsinniger. Warum sie dennoch so beliebt ist, liegt vermutlich in den Denkmustern des Menschen. Wer aber mehr aus seinem/ihrem Geld machen will, der/die geht andere Wege. Vermutlich wissen das die meisten Anhänger der Dividendenstrategie in ihrem Inneren auch, aber… oh, eine neue Dividendenabrechnung! Geil!

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