Vom rationalen Anlegen

Der folgende Blogeintrag beschäftigt sich mit den Besonderheiten für Anlegerinnen und Anleger, die Familien haben, und die daraus folgenden Konsequenzen.

Vom Homo ludens und Homo oeconomicus

Als Eltern, die Geld für unsere Familien anlegen und verwalten, simd wir in einer anderen Situation als all die alleinstehenden Anleger, denn wir kümmern uns nicht nur um unser eigenes Geld, sondern auch um das unserer Kinder und unter Umständen auch um das der Partnerin oder des Partners. Deshalb besitzen wir eine besondere Verantwortung dafür, was mit diesem Geld geschieht. Zocken ist damit absolut tabu! Stattdessen setzen wir auf Anlagestrategien, die rational sind. Der Homo ludens, der spielende Mensch, hat damit ausgedient. Er muss vom Platz und wird gegen den Homo oeconomicus, den wirtschaftenden Menschen, ausgewechselt.

Grundsätze des rationalen Investierens

Nachfolgend einige Grundsätze, die zwar gerne hinterfragt werden können, die aber auf den Erkenntnissen der Finanzmarktforschung basieren.

  1. Wer das eigene Geld nicht nur vor der Inflation schützen, sondern es auch vermehren möchte, kommt an Aktien nicht vorbei. Keine andere Geldanlage hat langfristig ähnliche hohe Renditen erzielen können.
  2. Wer eine solide Geldanlage möchte, der investiert nicht in Einzelaktien, sondern in Fonds, die einen bunten Blumenstrauß an Aktien darstellen. Damit wird das Risiko minimiert. Investitionen in Einzelaktien sind und bleiben Zockerei.
  3. Niemand ist in der Lage über einen ausreichend langen Zeitraum den Markt zu schlagen und eine Überrendite zu erzielen. Finanzmärkte sind effizient, das heißt, dass alle öffentlich zugänglichen Informationen bereits im Preis enthalten sind. Kein Mensch kann mit Hilfe irgendwelcher Chartanalysen oder sonstigem Hokuspokus in die Zukunft einer Aktie oder eines Unternehmens blicken.
  4. Aus diesem Grund sind aktiv gemanagte Fonds Unsinn. Sie erzielen keine besseren Ergebnisse als Indexfonds, weil Fondsmanager eben auch nur Menschen sind wie vorher angemerkt und es dementsprechend auch nicht über einen ausreichend langen Zeitraum schaffen, den Markt zu schlagen. Außerdem kosten sie deutlich mehr.
  5. Rendite kommt von Risiko. Wer Rendite erzielen möchte, muss bereit sein, das entsprechende Risiko zu tragen. Je höher die erzielbare Rendite, desto höher auch das Risiko. Das gilt jedoch nichtumgekehrt. Eine sichere Geldanlage ohne Risiko existiert nicht, was logisch ist, da sonst alle auf diese Weise Geld verdienen würde und niemand mehr arbeiten müsste. Wenn es doch kurzfristig zu Anomalien kommt, das heißt, die erwartete Rendite nicht zum Risiko passt, dann wird dieser Umstand sofort von Markt „beseitigt“.

Ich erspare mir an der Stelle diverse Definitionen und Erklärungen zu einzelnen Begriffen. Die Begriffe „Aktie“, „Fonds“ und „Indexfonds“ lassen sich blitzschnell recherchieren, weshalb ich darauf verzichte, bereits Wiedergekautes nochmal zu verdauen.

Aus diesen fünf Grundsätzen folgt: Wenn wir als Eltern das Familienvermögen rational anlegen wollen, dann investieren wir in ETFs (börsengehandelte Indexfonds). Wir verfolgen keine Dividendenstrategie, wir setzen nicht auf Einzelaktien, wir machen keine Branchenwetten (z. B. Aktien/Fonds aus der Tech-Branche), sondern wir diversifizieren und geben uns mit der Rendite zufrieden, die der Markt uns bietet. Interessanterweise sind wir damit cleverer als mindestens 75% der Privatanlegerinnen und -anleger.

Im Zwiegespräch mit sich selbst

Nachfolgend ein fiktives Streitgespräch mit mir selbst. Ja, ich wusste, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem ich mit selbst diskutiere. Aber es erscheint mir unterhaltsam und sogar zielführend.

Was sollte ich also nun tun, wenn ich, statt das Geld sinnlos auf einem Tagesgeldkonto rumliegen zu lassen, Vermögen für mich und meine Familie aufbauen will?

  1. Kostengünstigen Broker suchen. Am besten einen mit kostenlosen Sparplänen. Ich selbst nutze Trade Republic, aber das Angebot ist groß.
  2. Sparplan auflegen: Summe X monatlich in den MSCI World investieren.
  3. Erstmal laufen lassen, die Feinheiten kommen später. Wichtig ist, endlich anzufangen.

Aber Einzelaktien wären doch günstiger, weil ETFs laufende Kosten besitzen?

Nein, denn niemand kann so diversifizieren, wie es ein Indexfonds kann. Im MSCI World sind 1600 Aktien enthalten. So viele hat kein Mensch im Portfolio mit Einzelaktien. Und die Fälle Wirecard und Lufthansa zeigen, dass ein Unternehmen sehr schnell von der Bildfläche verschwinden kann. In ein Portfolio mit 30 Einzelaktien, was schon eine stattliche Zahl ist, reißt das ein riesiges Loch. Den MSCI World juckt das dagegen nicht. Er erfreut sich lieber am Wachstum der anderen 1598 Unternehmen. ETFs sind zwar im Unterhalt teurer, allerdings ist das Risiko bei Einzelaktien auch unverhältmäßig viel höher.

Was ist mit Rohstoffen, Immobilien, Gold?

Kurze Antwort: Lohnt sich nicht. Auf lange Sicht betrachtet keinerlei Mehrrendite gegenüber Aktien. Wir reden hier von Anlagehorizonten von 25 Jahren und mehr. Da boomt sicher mal irgendwas, momentan vielleicht Gold und Immobilien. Das flaut aber auch wieder ab.

Und P2P-Kredite und Kryptowährungen?

Keine ausreichend langen Datenreihen. Können wir in 30 Jahren nochmal drüber reden.

Gibt es einen perfekten Zeitpunkt zum Einsteigen?

Nein. Da niemand von uns in die Zukunft blicken kann, kann auch niemand sagen, ob die aktuelle Situation günstig ist oder nicht. Morgen kann sich der durch die Corona-Krise geschwächte Markt erholen und eine Rekordrally starten. Oder das war bisher nur ein Vorgeschmack, bevor es noch weiter runtergeht. Deshalb: Market-Timing ist Quatsch.

Und was mache ich dann mit meinen ETFs, die ich bespare?

Halten. Bis zur Rente. Mindestens.

Aber…

Ja, es sei denn, es gibt ein wichtiges Projekt. Wenn es das Haus mit Garten sein muss, dann darf das Depot angeknabbert werden. Aber eigentlich ist das Geld dafür da, dass wir im Alter noch einigermaßen würdevoll leben können und unseren Kindern und Enkeln Unterstützung und Starthilfe geben können, wenn wir das wollen. Das Rentenniveau unserer Großeltern wird ein unerfüllter Wunsch bleiben. Das wird, vermute ich mal, für viele, die nicht privat vorgesorgt haben, noch irgendwann richtig bitter.

Mit wie viel Rendite darf ich denn rechnen?

Zwischen 5 und 6% pro Jahr. Da sind Finanzkrisen schon mit drin. Es gibt also Jahre, in denen man 16% Rendite holt und welche, in denen man -40% einfährt. Über einen langen Zeitraum sind die 5 bis 6% realistisch. Wer höheres verspricht, betrachtet entweder einen zu kurzen Zeitraum ohne Krisen oder spricht von nominalen Renditen statt von realen Renditen. Bei realen Renditen ist die Inflation beispielsweise schon eingerechnet.

Und was mache ich während einer Finanzkrise?

Gar nichts.

Hä?

Aussitzen, weiter machen. Das geht vorbei. Sich an den günstigen Kursen erfreuen. Ein gutes Buch lesen.

Ist das alles nicht sehr kompliziert und zeitaufwendig?

Im Gegenteil, eigentlich ist ganz simpel und kostet keine Stunde im Jahr. Das ist ja das Problem: Es ist so einfach, dass man es nicht wahrhaben will. Deshalb verändert man ständig irgendwas, weil in unserer Gesellschaft normalerweise derjenige, der aktiv wird, am Ende erfolgreich ist. An der Börse ist es umgekehrt. Sitzfleisch ist hier Trumpf. Eine wirklich harte Lektion. Auch für mich.

Wo finde ich mehr Infos?

Ich empfehle zum Einstieg den Blog des Finanzwesirs. Siehe Links.

Was sollte ich nicht tun?

Diese ganze Finanzpornografie (den Begriff habe ich mir nicht ausgedacht) konsumieren, die im Netz so rumschwirrt. Viele wollen mit Klicks und Werbung nur Geld verdienen und müssen permanent Content produzieren. Da passen einfache Handlungskonzepte nicht ins Konzept.

Kann ich das nicht auch ganz anders machen?

Klar kannste, aber dann verschenkste Geld. Ich sage ja nicht, dass man nicht auch anders erfolgreich sein kann. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit wärst du noch erfolgreicher, wenn du es rational mit ETFs gemacht hättest.

Und wo bleibt der Spaß? Ein bisschen Zocken muss doch sein und Dividenden fühlen sich soooo gut an!

Also mir macht es am meisten Spaß, wenn sich unser Geld bestmöglich vermehrt und ich Zeit mit meiner Familie verbringen kann, statt sinnloserweise Börsenticker zu verfolgen und Dividenden zu reinvestieren.

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